Mittwoch, 22. November 2023, Hessische Allgemeine (Kassel-Ost) / Kassel
HNA Bericht: Unterwegs mit der Baumkontrolle
Leonard Frank untersucht, wie stabil die Kasseler Bäume sind
Leonard Frank (links) und Martin Winkler mit dem Schall-Bild der mehr als 60 Jahre alten Blutbuche im Botanischen Garten. Das Schall-Bild zeigt, dass der Baum noch stabil genug ist, um vorerst stehen zu bleiben. Foto: Maike Lorenz
Kassel – Mit einem Hammer klopft Leonard Frank insgesamt 15 Nägel in eine Blutbuche im Botanischen Garten. Was sich zunächst rigoros anhört, soll dieser allerdings nicht schaden. Im Gegenteil: Leonard Frank (26) arbeitet für das Umwelt- und Gartenamt der Stadt Kassel. Die Behörde ist zuständig für die etwa 90 000 städtischen Bäume und kontrolliert bei allen mindestens einmal im Jahr, ob sie gesund sind oder ein Sicherheitsrisiko darstellen.
Franks Aufgabe ist es, sich die Bäume näher anzusehen, an denen Kollegen bereits Aufälligkeiten bemerkt haben. So ist es auch bei der Blutbuche im Botanischen Garten, die Frank nun untersucht. Kollegen haben bei der vergangenen Kontrolle festgestellt, dass der Baum von dem Pilz „Sparriger Schüppling“ befallen ist. Um herauszufinden, ob der Stamm noch stabil genug ist, damit der Baum sicher stehen bleiben kann, führt Frank eine Schalltomographie durch.
An den Nägeln, die er zunächst in regelmäßigen Abständen rund um den Stamm in den Baum geklopft hat, befestigt er nun 15 kleine Kästchen, die untereinander mit Kabeln verbunden sind. Es handelt sich um Schallsensoren.
Sachgebietsleiter Martin Winkler (36), der die Untersuchung begleitet, sagt: „Durch einen Hammerschlag auf die Sensoren kann die Laufzeit der Schallausbreitung gemessen werden.“ Wie schnell der Schall von einem Sensor die anderen Sensoren erreicht, verrät dann, wie stabil der Stamm an der Stelle ist. „Je schneller sich der Schall ausbreitet, desto geringer ist der gesunde Holzanteil“, sagt Winkler.
Schon nach kurzer Zeit berechnet die Software anhand der Laufzeiten ein erstes Untersuchungsergebnis. Auf dem Bildschirm erscheint ein bunter Querschnitt des Blutbuchenstammes. „Grün markiert sind die Stellen, wo das Holz intakt ist, rot steht für faules Holz, und pinke Markierungen zeigen an, dass der Baum an der Stelle komplett hohl ist“, sagt Frank. In diesem Fall ist das Untersuchungsergebnis erfreulich: Nur an zwei kleinen Stellen im Zentrum scheint der Stamm hohl zu sein. Die Software zeigt, in welchem Bereich das Holz stabil sein muss, damit der Baum kein Sicherheitsrisiko darstellt. Die untersuchte Blutbuche kann stehen bleiben, wird aber zusätzlich zu den üblichen Kontrollen in drei bis fünf Jahren erneut untersucht.
Die Technik, mit der Bäume untersucht werden können, hat sich in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert. Bis in die 90er-Jahre sei es beispielsweise teils noch üblich gewesen, Bäume durch Betonfüllungen zu stabilisieren, sagt Winkler.
Dass die Blutbuche im Botanischen Garten stehen bleiben kann, freut Winkler. Er sagt: „Ein Baum in dem Alter entspricht der CO2-Bindung von 400 bis 600 Jungbäumen.“ Darüber hinaus böten alte Bäume einen besonders wertvollen Lebensraum für Tiere. Bevor ein Baum aus Sicherheitsgründen gefällt wird, entscheidet sich das Umwelt- und Gartenamt deshalb möglichst dazu, lediglich die Krone eines Baumes zu kürzen.
Auf die Frage danach, in welchem Zustand die Kasseler Bäume aktuell sind, antwortet Martin Winkler: „Wir kämpfen mit unheimlich vielen Problemen.“ In den vergangenen Jahren sei die Zahl der wegen Pilzbefalls notwendigen Untersuchungen gestiegen. „Man merkt eindeutig, dass die Bäume alle Stress haben“, sagt der Sachgebietsleiter.
Grund dafür sei insbesondere, dass die Bäume seit 2018 durch außergewöhnliche Trockenheit vorgeschädigt seien. Auch der Sturm im Juni hat an Kasseler Bäumen viele Schäden verursacht. Noch immer ist das Umwelt- und Gartenamt damit beschäftigt, alle 90 000 städtischen Bäume auf sturmbedingte Schäden hin zu untersuchen.